Ein Leben im Rhythmus der Natur

Viele Kinder kommen uns auf den endlos wirkenden Wiesen entgegen gerannt. Es wird gewunken und gerufen. Manch einer schafft es auch bis zur Straße und klatscht mit einem „High-Five“ mit uns ab.

Es ist Juni und die ersten Jurten werden nach den Wintermonaten von tieferliegenden Dörfern in das Hochland gebracht, wo saftige Wiesen den Schafen und Pferden als Nahrungsquelle dienen. Bis in den Herbst hinein bieten die aus Weidenästen und mit Filzmatten (Shyrdak) bedeckten Behausungen den Nomadenfamilien ein Zuhause. Diese Zeit nennen die Kirgisen Dshajloo und zaubert ihnen beim Klang dieses Worts ein Lächeln ins Gesicht.

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Aus den Jurten steigt Rauch auf, Kinder tollen umher. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit tauchen Hirten auf ihren Pferden auf, die Schafe und Ziegen, Kühe oder Pferde vor sich hertreiben. Den ganzen Tag waren die Tiere auf den Weiden. Erst zur Nacht werden sie wieder in die Pferche getrieben, wo sie geschützt vor natürlichen Feinden sind.

Ein Nomadenleben ist ein Leben mit und vom Tier. Sie dienen als Helfer, Nahrungsquelle und Produzent für die eigene Kleidung. Selbst die Jurte besteht zu einem Großteil aus der Wolle der Schafe.

Dicke Filzmatten liegen auf dem kuppelförmigen Stangenskelett. Sie halten die traditionelle Behausung im Winter warm und im Sommer kühl und können bei Bedarf leicht repariert werden. Ein ganz besonderen Stellenwert besitzt auch die Öffnung im Dach einer Jurte. Das so genannte Tündük symbolisiert das Heim, die Familie und die Öffnung zur Welt. Nicht ohne Grund ist die Krone der Jurte auf der Kirgisischen Flagge wiederzufinden.

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Am Ufer des auf 3000m Höhe gelegenen Son Kul-Sees, dem größten Süßwassersee Kirgistans erleben wir diese Kultur hautnah und übernachten in einer traditionellen Jurte. Wir erleben echte Gastfreundlichkeit und so wird kurzerhand ein Schaf vor unseren Augen geschlachtet und wenige Stunden später in fröhlicher Runde verspeist. Dazu gibt es das typische Kumys aus vergorener Stutenmilch. In der Nacht erfreut man sich am fulminanten Sternenhimmel, dessen unzählige Sterne zum Greifen nah scheinen.

Auch wenn das Leben auf den Weiden vielmehr harte Arbeit ist, als die von uns Mitteleuropäern phantasierte Romantik – ist es auch bei den Kirgisen der Inbegriff von Freiheit. Aber diese Lebensform der Kirgisen war Anfang der frühen sowjetischen Zeiten bedroht. Durch Verbot und Verfolgung wurden viele zur Sesshaftigkeit und Kollektiv-Wirtschaft gezwungen. Glücklicherweise ist sie nie ganz verschwunden, sodass die über 3000 Jahre alte Tradition der Kirgisen in aktuellen Zeiten wieder neu auflebt. Das von Generation zu Generation weitergegebene Wissen über die Eigenheiten des Wetters, der Pflanzen, das Wasser und der Tiere gelangt wieder zur Anwendung. Wer allerdings glaubt, dass die Nomaden fern von jeglicher Technik leben, hat sich getäuscht. Auch hier haben Fernsehen und Smartphone Einzug in die Jurten erhalten.

Tobi

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